Rezensionen zum Roman
KLAPPENTEXT: Sie träumen vom Aufstieg ihrer Fußballmannschaft, von einer richtigen Liebe und davon, dass irgendwo ein besseres Leben wartet. Rico, Mark, Paul und Daniel wachsen auf im Leipzig der Nachwendejahre, in einem Viertel, dessen Mittelpunkt die Brauerei ist. Jede Nacht ziehen sie durch die Straßen. Sie feiern, sie randalieren, sie fliehen vor den Glatzen, ihren Eltern und der Zukunft. Sie kämpfen mit Fäusten um Anerkennung und schlagen die Zeit tot.
Sie saufen, sie klauen, sind cool und fertig und träumen vom eigenen Leben. Alle ihre Fluchtversuche enden auf den Fluren des Polizeireviers Südost.
Rezensionsnotiz zu Frankfurter Rundschau, 15.03.2006:
Ina Hartwig kann den Debütroman von Clemens Meyer gar nicht genug loben: Ein "großartiges Buch" habe dieser geschrieben, ein Werk von "dunklem Zauber", das thematisch an Jean Genets "Wunder der Rosen" und sprachlich an J. D. Salinger erinnert. Meyer erzählt in seinem Roman die Geschichte einer Jungenclique in der Zeit nach der Wende. Die Jungs wachsen in Leipzig auf, verbrennen das eine oder andere rote Pioniertuch und sind zunächst vollauf begeistert von den neuen Freiheiten. Schnell aber kommt der Absturz in die Hölle aus Knast, Drogen und Gewalt. Eine Wende, die man von Anfang an ahnt und gespannt erwartet, meint die Rezensentin. "Ausladend und schnell, brutal und sehnsüchtig" findet sie die Geschichte; die erzählerische Kunstfertigkeit Meyers, der seinen Roman nicht einfach nur "abschnurrt", sondern "elegant" durch die Chronologie springt, schreibt sie dessen bewegtem Leben auf der "Unterseite der Gesellschaft" zu.
Rezensionsnotiz zu Neue Zürcher Zeitung, 14.09.2006:
Recht unausgegoren scheint Rezensentin Dorothea Dieckmann dieser Roman über eine Jugend im Leipzig der Nachwendezeit, den Clemens Meyer vorgelegt hat. Dabei bestreitet sie keineswegs, dass der junge Autor schreiben kann. Sie hält ihm nur vor, nicht gelernt zu haben, Unnötiges wegzulassen. Die 518 Seiten des Romans sind für sie mindestens 300 zuviel. Der im jugendlichen Kleinkriminellenmilieu zwischen Schule und Strasse, illegaler Disco und Swingerclub, Knast und Kneipe angesiedelte Roman liest sich für Dieckmann wie eine locker verbundene Sammlung von Kurzgeschichten. Eine große erzählerische Gesamtkomposition kann sie beim besten Willen nicht erkennen.
Dennoch gibt es auch Lob: die Kapitel über den ehemaligen StasiWerklehrer oder den Außenseiter mit der Hasenscharte etwa bestechen nach Ansicht Dieckmanns durch "intensive szenische Porträts".
Geradezu "atemberaubend" findet sie schließlich das Kapitel "In der Silberhöhe", in dem betrunkene Stammtischler dem kleinen Daniel die Festnahme seines Vaters kundtun.
Rezensionsnotiz zu Frankfurter Allgemeine Zeitung, 15.03.2006:
Einen "großen Roman" nennt Rezensent Tilman Spreckelsen diesen Erstling des 1977 geborenen Leipziger Schriftstellers Clemens Meyer. Es geht Spreckelsen zufolge um Erinnerungen an eine ostdeutsche Jugend im Bandenmilieu, um eine Generation, denen die DDR ebenso wenig Heimat wie das Deutschland der Nachwendezeit gewesen sei. Dabei mäandere die Erinnerung von Protagonist Daniel zwischen "eindeutiger Überlieferung" und assoziativen und irrealen Einschüben. Hier ist der Rezensent immer wieder beeindruckt vom literarischen Mut des Autors, der seinem Protagonisten immer wieder eine fast "klischeehafte Zuspitzung" gestattet, die nicht selten in dessen "filmgenährte Fantasie" abdriftet, bei der Chronologie keine Rolle spielt und bei der doch der Leser nie verloren geht. Gewalt und Tragik durchzieht Spreckelsen zufolge die Beschreibung dieser jugendlichen Lebensläufe ebenso, wie Orientierungslosigkeit und Leere. Es gehe aber auch um das Versagen der Elterngeneration, die im "trüben Alltag der dahinsiechenden DDR" resignierte.
Rezensionen zur Aufführung
URAUFFÜHRUNG "ALS WIR TRÄUMTEN"
Da glotzen wir romantisch
Von Christine Wahl
Schlägereien, Alkohol, Tittengrößen: Armin Petras bringt mit Clemens Meyers gefeiertem Debütroman "Als wir träumten" ein echtes Jungsbuch auf die Bühne des Schauspiels Leipzig. Doch trotz romantischer Regieideen kann die Inszenierung der Vorlage wenig entgegensetzen.
Wir reiten ja gerade auf einer sagenhaft "coolen" Neo-Feminismus-Welle. Wenn auch weniger die reale Chefetage, so strotzt doch immerhin die aktuelle Literatur- und Talkshow-Welt nur so vor den neuen "Alphamädchen", die sich schon immer genommen haben, was sie wollten und uns bereitwillig erklären, was Emanzipation zurzeit so "sexy" macht.
ää DPA Ensemble von "Als wir träumten": Maskerade der Geschlechter
Es sei an dieser Stelle trotzdem todesmutig gewagt, das furiose Romandebüt des amtierenden Leipziger Buchpreisträgers Clemens Meyers - "Als wir träumten" - als echten Neo-Klassiker der Jungsbuch-Sparte zu feiern: Bei den seitenlangen Prügeleien und Sauftouren einer Clique im Leipziger Vor- und unmittelbaren Nachwende-Osten; bei den ersten Erektionen über dem "Girl des Monats" aus geklauten Pornoheften und wiederholten Aufenthalten in Jugendknästen kommen Mädchen vor allem als Sehnsuchtsobjekte vor. Und auch die Besuche realsozialistischer Fußball-Spiele fielen bekanntlich in eine Ära, da das Public-WM-Viewing sich noch nicht zum geschlechterübergreifenden Breitensport gemausert hatte.
Auf der Studiobühne des Schauspiels Leipzig, wo der Berliner Intendant Armin Petras jetzt in Co-Produktion mit seinem hauptstädtischen Gorki-Theater seine zweistündige Bühnenfassung des 500-Seiten-Romans uraufführte, erlebt man daher erst mal einen Irritationsflash, den der theatrale Verfremdungseffekt-Guru Bertolt Brecht sich besser nicht hätte ausdenken können.
Denn statt der erwarteten Jungschauspieler betreten lauter attraktive langhaarige Jeans- und Lederjackenträgerinnen das Szenario, um über das Autoknacker-ABC, den FC Chemie Leipzig, "Weiber" und "Tittengrößen" zu fachsimpeln. Die Rolle der linientreuen Vorwende-Klassenlehrerin Frau Seidel, die gern mit einem Pionierwimpel vor der mächtigen Brust den Kollektivgeist einklagt, sowie alles weitere weibliche Rollenpersonal zwischen 40 und 90 Jahren fällt dafür dem Schauspieler Berndt Stübner zu – wechselweise im rostroten Kostüm oder im Nachthemd-Oma-Look.
Hart, aber romantisch
Es geht bei dieser Methode – im Branchenidiom "Cross-Gender"-Prinzip genannt - gerade nicht um jene geschlechterfolkloristische Maskerade, bei der Daniel zu Daniela und Frau Seidel zum "Manche-mögen's-heiß"-Abklatsch wird, sondern darum, die Differenz bewusst als Stilmittel einzusetzen.
Und der Regiegedanke, der dahinter steht, ist nur allzu verständlich: Petras wollte unter allen Umständen vermeiden, einfach eine auf der Bühne notgedrungen defizitäre Romanbebilderung abzuliefern, bei der man sich im Parkett spätestens nach zehn Minuten fragt, warum man es nicht einfach bei der Buchlektüre belassen hat. Zum zweiten schafft dieser Kunstgriff natürlich eine Distanz, die zwar Emotionen zulässt, Abstürze in Gefühlskitschfallen aber clever verhindert. Und Meyers Jungsclique hat ja - bei aller Härte – etwas unglaublich Romantisches.
Distanz ist überhaupt ein guter Oberbegriff für Petras' Inszenierung: Das Szenenbild von Bernd Schneider und Ulrike Bresan - ein riesiger grauer Pappmaché-Quader, der sich mittig zu einer Art Guckkastenbühne öffnen lässt – bleibt betont anti-illusionistisch. Viele der im Buch üppig vertretenen Handgreiflichkeiten werden vor diesem Klotz, den man auch als abstrahierten Plattenbau sehen kann, einfach erzählt statt szenisch aufgelöst. So rettet man sich vor der bedrückenden Trauerfamilie im Familienkreis des Cliquenmitglieds Mark (Marlène Dunker), das an einer Überdosis gestorben ist, ins eher schmerzfreie Handpuppenspiel.
Dreckig lachen, zufrieden applaudieren
Und wenn es – was in dieser Inszenierung im Gegensatz zur Romanvorlage überraschend selten der Fall ist – mal zu einer handfesten Schlägerei kommt, hauen die Mädels niemandem ins Gesicht, sondern stattdessen – mit schmissiger Musik unterlegt - jede für sich mit Brettern auf den Bühnenboden. Dabei entstehen durchaus anrührende Momente und lustige Szenen.
Etwa, wenn Anja Schneider als Hauptheld Dani auf dem Bett hockt und sich bei der telefonischen Callgirl-Bestellung die begehrten langen blonden Haare selbst ins Gesicht fallen lässt. Oder wenn die Mädels (außer den bereits Genannten Carolin Conrad, Hanna Eichel und Anika Baumann) gemeinsam ein kurzes dreckiges Jungslachen imitieren und sich in minutiös dem präpotenten Techno-Disco-Macho abgeschauten Tanzchoreografien ergehen.
Aber zum Roman, der gerade davon lebt, dass sein Autor ganz nah am Geschehen ist; dass er ohne jede Metaebenen-Eitelkeit und Besserwisserei einfach nur sehr genau beschreibt und dadurch eine grandiose Ambivalenz zwischen Jungscliquen-Familienersatz und einer ungeheuren, blutigen Härte schafft, ist das natürlich das größtmögliche Gegenprogramm. Zumal Petras und seine Dramaturgin Carmen Wolfram in ihrer Stückfassung den romantischen Aspekt so eindeutig betont haben, dass die Inszenierung gelegentlich aufpassen muss, nicht in "Emil und die Detektive"-verdächtige Gutjungsgefilde abzurutschen, wo Autos ausschließlich für einen guten Zweck geknackt werden.
So gesehen geht das Regiekonzept nicht richtig auf – der besonderen Qualität der Vorlage setzt es jedenfalls nichts Adäquates entgegen.
Und der Autor? Der hat zwar, anders als beim Leipziger Buchpreis, diesmal nicht mit einer Bierflasche posiert, schien aber beim Schlussapplaus nichtsdestotrotz überaus zufrieden.
Quelle: Spielel-Online: http://www.spiegel.de/kultur/gesellschaft/0,1518,547152,00.html
Inhalt zum Stück
Als wir träumten
Clemens Meyer
Für die Bühne bearbeitet von Armin Petras und Carmen Wolfram
Sie träumen vom Aufstieg ihrer Fußballmannschaft, von einer richtigen Liebe und davon,
dass irgendwo ein besseres Leben wartet. Rico, Mark, Paul und Daniel wachsen auf im
Leipzig der Nachwendejahre, in einem Viertel, dessen Mittelpunkt die Brauerei ist. Jede
Nacht ziehen sie durch die Straßen. Sie feiern, sie randalieren, sie fliehen vor den Glatzen,
ihren Eltern und der Zukunft. Sie kämpfen mit Fäusten um Anerkennung und schlagen die
Zeit tot. Sie saufen, sie klauen, sind cool und fertig und träumen vom eigenen Leben. Alle
ihre Fluchtversuche enden auf den Fluren des Polizeireviers Südost. Leidenschaftlich, wild
und mutig verspielen sie ihr Leben in einer aussichtslosen Rebellion.
Verlag S. Fischer
Clemens Meyer, geb. 1977 in Halle/Saale, lebt in Leipzig. Nach dem Abitur arbeitete er als
Bauhelfer, Möbelträger und Wachmann. Von 1998 bis 2003 studierte er am Deutschen
Literaturinstitut Leipzig. 2001 gewann er den MDR-Literaturwettbewerb. „Als wir träumten
“ wurde 2006 für den Preis der Leipziger Buchmesse nominiert und zum Klagenfurter
Ingeborg-Bachmann-Wettbewerb eingeladen. Clemens Meyer erhielt unter anderem den
Förderpreis zum Lessing-Preis 2007 und den Preis der Leipziger Buchmesse 2008 für „Die
Nacht, die Lichter“.
Die Uraufführung nach dem Roman des Leipzigers Clemens Meyer feierte im
April 2008 Premiere am Schauspiel. „Als wir träumten“ ist ein Stück über
Leipzig – und für Leipzig. Für das Centraltheater ist es ein weiterer
Ausgangspunkt, sich mit der Stadt zu beschäftigen, sich mit ihr zu
identifizieren. Darum nimmt das Centraltheater Leipzig die Koproduktion
mit dem Maxim Gorki Theater wieder in sein Programm auf, um auch künftig
die Zusammenarbeit mit Leipziger Künstlern zu intensivieren.
mit Anika Baumann, Maria Doubs, Hanna Eichel, Marlène
Meyer-Dunker, Anja Schneider, Berndt Stübner, Birgit Unterweger
Regie: Armin Petras
Bühne: Ulrike Bresan, Bernd Schneider
Kostüm: Ulrike Bresan, Bernd Schneider
Licht: Jörn Langkabel
Dauer: 1 Stunde 50 Minuten
Weiteres Material unter Denken+Handeln.
Als wir träumten
Clemens Meyer
Für die Bühne bearbeitet von Armin Petras und Carmen Wolfram
Sie träumen vom Aufstieg ihrer Fußballmannschaft, von einer richtigen Liebe und davon, dass irgendwo ein
besseres Leben wartet. Rico, Mark, Paul und Daniel wachsen auf im Leipzig der Nachwendejahre, in einem
Viertel, dessen Mittelpunkt die Brauerei ist. Jede Nacht ziehen sie durch die Straßen. Sie feiern, sie
randalieren, sie fliehen vor den Glatzen, ihren Eltern und der Zukunft. Sie kämpfen mit Fäusten um
Anerkennung und schlagen die Zeit tot. Sie saufen, sie klauen, sind cool und fertig und träumen vom eigenen
Leben. Alle ihre Fluchtversuche enden auf den Fluren des Polizeireviers Südost. Leidenschaftlich, wild und
mutig verspielen sie ihr Leben in einer aussichtslosen Rebellion.
Verlag S. Fischer
Clemens Meyer, geb. 1977 in Halle/Saale, lebt in Leipzig. Nach dem Abitur arbeitete er als Bauhelfer,
Möbelträger und Wachmann. Von 1998 bis 2003 studierte er am Deutschen Literaturinstitut Leipzig. 2001
gewann er den MDR-Literaturwettbewerb. „Als wir träumten“ wurde 2006 für den Preis der Leipziger
Buchmesse nominiert und zum Klagenfurter Ingeborg-Bachmann-Wettbewerb eingeladen. Clemens Meyer
erhielt unter anderem den Förderpreis zum Lessing-Preis 2007 und den Preis der Leipziger Buchmesse 2008
für „Die Nacht, die Lichter“.
Die Uraufführung nach dem Roman des Leipzigers Clemens Meyer feierte im April 2008 Premiere am
Schauspiel. „Als wir träumten“ ist ein Stück über Leipzig – und für Leipzig. Für das Centraltheater ist es ein
weiterer Ausgangspunkt, sich mit der Stadt zu beschäftigen, sich mit ihr zu identifizieren. Darum nimmt das
Centraltheater Leipzig die Koproduktion mit dem Maxim Gorki Theater wieder in sein Programm auf, um
auch künftig die Zusammenarbeit mit Leipziger Künstlern zu intensivieren. mit Anika Baumann, Maria Doubs, Hanna Eichel, Marlène Meyer-Dunker, Anja Schneider, Berndt Stübner,
Birgit Unterweger
Regie: Armin Petras
Bühne: Ulrike Bresan, Bernd Schneider
Kostüm: Ulrike Bresan, Bernd Schneider
Licht: Jörn Langkabel Dauer: 1 Stunde 50 Minuten
Weiteres Material unter Denken+Handeln.
